20 Jahre danach – Was sind die Lehren aus dem Völkermord in Ruanda? – von Hellen Bremm

Dritter Platz im Essaywettbewerb “20 Jahre danach –

Was sind die Lehren aus dem Völkermord in Ruanda”

Der Völkermord in Ruanda wurde in den letzten 20 Jahren auf viele Weisen aufgearbeitet.

Besonders eindrücklich ist die Geschichte Roméo Dallaires, dem Leiter der UNAMIR, der seine Sicht der Ereignisse aus dem Jahr 1994, die er aus nächster Nähe erfuhr, darstellt. Sein Buch „Shake Hands with the Devil – The Failure of Humanity in Rwanda“  ist zugleich eine unmissverständliche Anklage an die Vereinten Nationen und die gesamte westliche Welt. Er beschreibt: “In just one hundred days over 800,000 innocent Rwandan men, women and children were brutally murdered while the developed world, impassive and apparently unperturbed, sat back and watched the unfolding apocalypse or simply changed the channels.”[i] Es gilt sich zu fragen, ob er Recht hat mit seiner Anschuldigung und welche Fehler die internationale Gemeinschaft aber auch Einzelstaaten und vielleicht man selbst, als Privatperson am anderen Ende der Welt, gemacht hat und wie wir aus diesen Fehlern für ähnliche Verbrechen in Zukunft lernen können.

Zunächst stellt sich die Frage, ob einem Genozid vorgebeugt werden kann. Der Ausgleich sozialer Gegensätze und die Verankerung aufgeklärter Toleranz in einer Gesellschaft sind einmal Aufgaben der Regierung des Landes, was in einem Fall wie in Ruanda, wo diese selbst Teil der hierarchischen Struktur ist, schwierig scheint. Eine aufklärende und vermittelnde Rolle in der Bevölkerung können auch internationale humane Hilfsorganisationen und Partnerländer und ihre Institutionen übernehmen. Im Falle Ruandas wurden die starken sozialen Gegensätze der Volksgruppen der Hutu und Tutsi in der Zeit der Kolonialisierung Ruandas erst durch Deutschland und dann nach 1919 durch Belgien von westlichen Mächten noch künst-

lich verstärkt. Die Kolonialherren waren es, welche die Pflicht eines Personalausweises einführten, der ganz klar eine Zugehörigkeit zu einer der drei Volksgruppen – Hutu, Tutsi oder Twa – angab. Zwar ist die Zeit der Kolonialisierung vorbei, dennoch ist diese Tatsache eine stille Warnung, dass Eingreifen auf selbstgerechte Weise in das Innere eines Staates sehr schädlich sein kann.

Dennoch, die Bilanz, die wir nach langjähriger Aufarbeitung ziehen können, ist eine andere: Nicht (nur) Handeln zieht schlimme Konsequenzen nach sich, es ist vor allem das Nicht-Handeln. Die von den Vereinten Nationen 1993 ins Leben gerufene UNAMIR (United Nations Assistance Mission for Rwanda) sollte ursprünglich ein Übereinkommen der Parteien in Ruanda und dann die daraus folgende Regierung unterstützen. Für den Völkermord, der dann am 6. April 1994 ausgelöst durch den Absturz des Flugzeugs des Präsidenten begann, war die Mission nicht ausgestattet.

Wenn die Vereinten Nationen beschließen, in irgendeiner Form in einem Land tätig zu werden, müssen sie sich einen breiten Überblick über die genaue Situation verschaffen. Dieser Überblick darf nicht nur oberflächlich sein, sondern es gilt, die Strukturen des Landes genauestens zu studieren und auf spontane Ereignisse genügend schnell zu reagieren. Im Bericht der Independent Inquiry, der die Ergebnisse der lobenswerten Aufarbeitung durch die Vereinten Nationen darstellt, geben die UN zu: “The planning process [of UNAMIR] failed to take into account remaining tensions which had not been solved in the agreements between the parties. (…) There was no fall-back, no contingency planning for the eventuality that the peace process did not succeed.”[ii] Um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, müssen politische Instanzen auch Berichten von Menschenrechtsorganisationen mehr Beachtung schenken, wie beispielweise dem Bericht von Human Rights Watch, der ausdrücklich vor einer Bewaffnung der Parteien, die sich der Verletzung von Menschenrechten schuldig gemacht hatten, warnte. Denn viele Staaten, darunter auch Deutschland, gewährten dem autoritären Regime Habyarimanas „umfangreiche Zuwendung“[iii], laut einem Bericht der Organisation aus dem Januar 1994 unterstützten Staaten wie Ägypten und Frankreich das Regime auch mit Waffenlieferungen.[iv] In Zukunft ist es wichtig, dass genauestens geprüft wird, ob der Empfänger von solchen Lieferung in der Vergangenheit Menschenrechtsverletzungen begangen hat oder ob der dringende Verdacht besteht, dass er dies in Zukunft zu tun gedenkt. Denn wenn wir Täter bewaffnen, werden wir zu Mittätern, tun wir es nicht, besteht die Chance, dass wir damit eine Katastrophe verhindern.

Das Ausland hat auf die Warnungen aus Ruanda nicht ausreichend reagiert. Der Völkermord war kein spontanes Morden, sondern er war sorgfältig im Voraus geplant. So rief beispielsweise der Radiosender Milles Collins zum gezielten Mord an Tutsis auf. So etwas darf der internationalen Gemeinschaft nicht entgehen. Wichtig ist auch, dass wenn solche Informationen dann die Büros der Vereinten Nationen erreichen, schnell gehandelt werden kann. Bürokratische Prozesse müssen schnell ablaufen. Natürlich darf auch nicht vorschnell gehandelt werden, aber die Klärung von Fragen, wie ob es sich bei den Vorgängen in Ruanda um einen Völkermord handelte und ob die Vereinten Nationen diesen auch so benennen und damit diesen oder jenen Beschluss gelten machen sollten, darf nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Denn in solchen Fällen bedeutet Zeit Leben. Man geht davon aus, dass das wochenlange Morden schnell hätte beendet werden können, wären die UN-Truppen schneller aufgestockt worden oder bei Ausbruch schon ausreichend ausgestattet gewesen.

Erschreckend ist das Urteil, zu dem die Independent Inquiry kam: “The failure by the United Nations to prevent, and subsequently, to stop the genocide in Rwanda was a failure by the United Nations system as a whole. The fundamental failure was the lack of resources and political commitment devoted to developments in Rwanda and to the United Nations presence there. There was a persistent lack of political will by member states to act, or to act with enough assertiveness. “[v] Zusammengefasst: Viele Mitgliedsstaaten der UN zögerten zu helfen und der UNAMIR fehlte es an politscher Unterstützung der Einzelstaaten und der Vereinten Nationen als ganzes. Warum war der politische Wille, den Menschen in Ruanda zu helfen so gering? Aus Angst, dem eigenen Staat und seinen Bürgern könnte dadurch Schaden zugefügt werden? Oder stellten sie sich die Frage: Warum sollte unser Staat etwas unternehmen, wenn die anderen auch nichts tun?

Ich denke, wer glaubt, wir könnten in dieser Welt in Frieden leben, wenn wir nur die Augen verschließen vor dem, was in anderen Ländern passiert und den Fernsehkanal wechseln, wenn von Unruhen und Toten im Osten oder Süden oder Westen oder Norden berichtet wird, liegt falsch. Wer glaubt, wir könnten nichts tun und uns aus der Verantwortung ziehen, der irrt. Dabei ist es egal, wer wir sind. Ob Staatsoberhaupt oder führender Politiker oder Bürger. Was nicht passieren darf und was Menschen wie Roméo Dallaire uns zu Recht vorwerfen, ist, dass die Menschlichkeit versagt. Die Diskussion um die Vereinbarkeit von Moral und Politik ist immer aktuell. Die Frage, wie wir uns als Weltbürger verhalten sollen, auch.

Es ist wichtig zu erkennen, dass der Völkermord vor 20 Jahren in Ruanda nicht nur Fragen aufwirft, sondern auch Antworten liefert. Dabei ist unsere Hauptaufgabe, als Rheinland-Pfälzer, die mit den Menschen in Ruanda durch die Graswurzelpartnerschaft auf so enge Weise verbunden sind, den Völkermord und die Lehren, die er uns aufzeigt, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern das Bewusstsein der Menschen zu schärfen für „[das] furchtbarst[e] Menschheitsverbreche[n] seit dem Holocaust durch die Nazis und den Killing Fields der Roten Khmer“[vi].

 


[i] Dallaire, Roméo: Shake Hands with the Devil. The Failure of Humanity in Rwanda. Random House Canada, 2003, S. xvii.

[ii] http://www.un.org/Docs/journal/asp/ws.asp?m=S/1999/1257 [26.01.2014; 11:28]. Report of the Independent Inquiry into the Actions of the United Nations during the 1994 Genocide in Rwanda.

[iii] Geographie Rheinland-Pfalz SII. Ergänzungen. Bildungshaus Schulbuchverlage. Braunschweig, 2012, S.30.

[iv] vgl. https://www.hrw.org/reports/1994/01/01/arming-rwanda [25.01.2014; 16:52], Arming Rwanda, S.5.

[v] http://www.un.org/Docs/journal/asp/ws.asp?m=S/1999/1257 [26.01.2014; 11:28]. Report of the Independent Inquiry into the Actions of the United Nations during the 1994 Genocide in Rwanda.

[vi] Geographie Rheinland-Pfalz SII. Ergänzungen. Bildungshaus Schulbuchverlage. Braunschweig, 2012, S.31.

 

 

 

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