20 Jahre danach – Was sind die Lehren aus dem Völkermord? – von Jenny Schößler

Beitrag zum Essaywettbewerb “20 Jahre danach –

Was sind die Lehren aus dem Völkermord in Ruanda”

Noch 20 Jahre nach dem erschreckenden Genozid in Ruanda, kann die Welt die Vorfälle immer noch nicht verkraften. Zu schrecklich waren die Ereignisse von 1994 mit den circa 800.000 getöteten Tutsi, dass nicht umsonst die Frage nach dem verwehrten Eingreifen der UN im Raum steht. Schon einen Monat vor dem Anschlag auf den ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana, der Auslöser für die Massenmorde war, hatte ein Kommandeur der UN-Blauhelme ein Telegramm nach New York geschickt, in dem er vor dem geplanten Völkermord warnte und um Hilfe bat. Doch statt auf die eindringlichen Warnungen einzugehen, ließ die UN die bis dato 2500 stationierten Blauhelme abziehen. Lediglich 270 Männer blieben zurück, die die Situation und die Gräueltaten nicht hätten aufhalten können, geschweige denn, dass sie ihnen gewachsen wären. Erst Mitte Mai wurde von den Vereinten Nationen angeordnet die Zahl der Soldaten auf 5500 aufzustocken. Jedoch zu spät, denn die meisten Blauhelme erreichten Ruanda erst nach Ende des Bürgerkrieges. Als Entschuldigung für das viel zu verspätete Handeln gaben die UN-Verantwortlichen an, dass das Land keine entsprechende Priorität in ihrem nationalen Interesse hatte und Ruanda es nicht wert war Opfer zu riskieren. All die handlungsfähigen Länder vergaßen, dass jeder Mensch ein Mensch ist, egal aus welchem Land er kommt, welcher Gruppierung er angehört oder wie viel Geld er hat. Denn „kein Mensch auf der Welt ist mehr wert als ein anderer.“ Romeo Dallaire, von dem das Zitat stammt, war jener Kommandeur, der versuchte die UN und den Sicherheitsrat in New York von der Notwendigkeit eines militärischen Intervenierens zu überzeugen. Anders als viele Entscheidungsträger und Politiker zerbrach er fast an der sich selbst zugeschobenen Schuld, dass seine Bemühungen nicht ausgereicht hatten, um den Tod tausender Menschen zu verhindern.

Obwohl es seit 1948 eine Völkermordskonvention gab, griff weder die ehemalige Kolonialmacht Belgien, noch Deutschland, noch Frankreich, das die Hutu-Milizen ausgebildet hatte und vier Jahre zuvor noch aufgrund der „Operation Noroît“ dort stationiert war, noch die Supermacht USA ein. Dabei trugen gerade die Kolonialmächte Schuld an dem Hass zwischen Hutu und Tutsi. In den zusammengeführten Königreichen Ruanda und Burundi, unterschied man stark zwischen den drei vertretenen Gruppen: Hutu, Tutsi und Twa. Deutschland als auch Belgien, das das Land ab 1919 von der deutschen Kolonialherrschaft übernahm, sprachen den Tutsi eine „genetische Überlegenheit“ gegenüber den Hutu zu, was zu Unmut bis Hass zwischen den beiden Gruppierungen führte.  So wurde der Grundstein für die jahrelangen Konflikte zwischen der Hutu-Mehrheit und der Tutsi-Minderheit gelegt. Was folgte war einer der schlimmsten Genozide des 20. Jahrhunderts, neben dem Holocaust und Stalins Völkermord. Damit ist anzunehmen, dass die Bundesrepublik Deutschland, wie auch Belgien und Frankreich zu einer Mitschuld herangezogen werden sollten. Es steht also in ihrer Pflicht sich an dem Wiederaufbau des Landes zu beteiligen, und sich insbesondere um die Schäden, die an Wohneinheiten von Tutsi-Bürgern angerichtet worden sind zu kümmern. Noch immer leben viele Tutsi ohne eine Behausung und sind sowohl physisch, als auch psychisch von den grausamen Vorfällen geschädigt. Demnach ist es dringend notwendig diese Menschen zu unterstützen und gerade der neuen Generation an Tutsi eine Chance zu bieten ohne Hass und Armut aufzuwachsen. Es muss endlich Frieden zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen geschaffen werden und das zerrissene Verhältnis muss aufgelockert werden, um ein neutrales Umfeld zu schaffen. Möglich ist dies zum Beispiel, indem man gerade den neuen Generationen in Ruanda vor Augen hält, was zu Hass und Abneigung führt und dass dies der falsche Weg ist. Ihnen sollte gelehrt werden, dass Toleranz und Frieden zwischen unterschiedlichen Völkern funktionieren kann und dass das Leben wertvoll ist. Warum also unschuldiges Blut vergießen?

Mit der Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz, die seit 1982 besteht, sieht sich unser Bundesland in der Pflicht den Ruandern bei dem Wiederaufbau ihres Landes und der Versöhnung zwischen Hutu und Tutsi zu helfen. Jährlich berichtet das Ruanda-Revue von den neuen Fortschritten, die das Land erreicht. Auch der Verbund „Ruanda-Freunde“ beteiligt sich aktiv an der Verbesserung von den Lebensumstanden armer Familien und verwahrlosten Kindern in Ruanda. So sollte mehr an deutschen Schulen davon berichtet werden und an die Gräueltaten von 1994 erinnert werden, um die Jugend zu mobilisieren, dass sie Hilfsorganisationen unterstützen. Auch sollte mehr Wert auf die über 220 Schulpartnerschaften gelegt werden, welche ein bindendes Glied zwischen jungen Rheinland-Pfälzern und Ruandern bilden und schon zu einer Vielzahl an Hilfsprojekten verhalfen, wie Renovierungen und Neubauten von Schulen in Ruanda. Jedoch nur mit genügend Beteiligung und Spenden können die Organisationen etwas erreichen. Denn der Völkermord ist mit seinen Auswirkungen immer noch präsent, was viele zu vergessen scheinen. Noch immer finden Gerichtsverhandlungen statt, in denen „génocidaires“ für ihre Taten verurteilt werden. Bis Ende 2014 sollen alle von der ICTR geleiteten Verhandlungen beendet sein.

Doch die Frage, ob der Genozid nicht hätte verhindert werden können, bleibt weiterhin unbeantwortet. Alle Welt hat dem Leiden zugesehen und doch hat die Politik nichts unternommen. Erst als es zu spät war, denn die meisten der 5500 angeordneten Soldaten erreichten Ruanda erst nach Ende des Bürgerkrieges. Das sind Momente in der Geschichte, in denen die Menschen für einen Augenblick in sich hinein schauen und sich fragen sollten, in wieweit ihre eigene Macht reicht, um etwas zu bewegen. Um Entscheidungen der Politik zu beschleunigen oder zu verhindern und sich dafür einzusetzen, dass richtig gehandelt wird. Dass man nicht die selben Fehler wieder macht und tatenlos zusieht, wie unschuldige Kinder gnadenlos erschossen und massakriert, Frauen vergewaltigt und Männer zu vielen umringt und getötet werden. Das sind Momente, in denen man sich bewusst machen sollte, dass Wegschauen einen selber zum Täter macht. Denn nur wer anderen Menschen hilft, der kann damit rechnen, dass einem in der größten Not auch geholfen wird.

 

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