20 Jahre danach – Was sind die Lehren aus dem Völkermord in Ruanda? – von Lea Henrich

Beitrag zum Essaywettbewerb “20 Jahre danach –

Was sind die Lehren aus dem Völkermord in Ruanda”

In 100 Tagen kann man mit dem Fahrrad durch Europa fahren, den Sommer im Schwimmbad genießen, einen Garten anpflanzen, Freundschaften schließen.
100 Tage dauert es, bis ein kleiner Schwan fliegen kann, in 100 Tagen kann man sich 300 Mal die Zähne putzen, 100 Tage dauert die Probezeit in einem neuen Job.
In 100 Tagen kann man Rache begehen.
In 100 Tagen kann man ein Land unfähig machen zu handeln.
In 100 Tagen kann man mehr als einer Million Menschen das Leben stehlen, Familien auseinander reißen und Generationen zerstören.

Wie lange meinen Sie dauert es, bis ein Land diese Vergangenheit, einen Völkermord  in 100 Tagen, in dem eine Million Menschen umkamen, verkraften kann?
Ich bezweifle, dass man es jemals verkraften kann.
Denn verkraften heißt verstehen, was passiert ist, verkraften heißt, an den Straßenecken vorbeigehen zu können, an denen dein Nachbar verblutet ist, ohne umzukippen.
Verkraften heißt, das Schicksal überwunden zu haben.
Doch man kann etwas nicht überwinden, wenn jeder einzelne Bürger stündlich, minütlich, an die schreckliche Vergangenheit durch Umstände im Land erinnert wird. Wir können Ruanda und dessen Menschen nur helfen, wenn wir neu anfangen. Und genau aus diesem Neuanfang kann auch Deutschland lernen, nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt.
Wir müssen die verschiedenen Völkergruppen in unseren Ländern akzeptieren, beide müssen das Recht haben, ihre Kultur ausleben zu dürfen ohne andere zu provozieren.
Es ist toll, wenn sich eine Regierung  aus verschiedenen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft zusammensetzt, denn das bedeutet, Dinge aus einer anderen Sicht zu betrachten, Seiten zu erkennen, auf die man vielleicht ohne diesen Kulturaustausch nie gekommen wäre.
Wie kann das sein, dass dein bester Freund auf einmal mit einer Machete vor deinen Kindern steht, fragt man sich. Wie kann ein Land seinen Einwohnern so viel Willen zu töten, so fest in das Gedächtnis einbrennen, dass selbst Menschlichkeit versagt? Ich denke, man muss alles, was man an Menschlichkeit von Natur aus besitzt verloren haben, um nur noch ein Ziel zu haben: zu töten. So viele unschuldige Menschen wie es nur geht. So viele Familien zerstören, so viele Häuser abbrennen, so vielen Kindern Träume auslöschen.
Aus reiner Lust zu töten. Aus reinem Rassenwahn. Schützen konnte man sich nicht, Fliehen war unmöglich.
Oberste Priorität in einem Land sollte eine unparteiische, exekutive Gewalt haben. Sie sollte jedem Bürger Sicherheit geben und jederzeit in der Lage sein, durchgreifen ztu können, Ruhe zu stiften, auch wenn die Regierung versagt.
Es ist ebenso wichtig, eine Regierung zu haben, die verhindert, dass eine einzige Person plötzlich die macht ergreift und als Alleinherrscher regieren kann.
Ein Staat muss eine Regierungsform haben, die dem Staatschef Freiheiten gibt, aber trotzdem eine Anzahl an Politikern besitzt, die die Möglichkeit haben, einzugreifen.
Es klingt ein bisschen naiv die Vermutung aufzustellen, wie eine einzelne Person einen Völkermord verhindern kann.
Natürlich wird dies einem alleinigen Bürger durch einen einzige Tat fast unmöglich sein, doch sollte man sich bei seinem Handeln in manchen Situationen nicht auf Emanuel Kant berufen?
“ Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns zum Grundsatz aller werden können.“
Stellen Sie sich vor, diesen kategorischen Imperativ hätten sich Nachbarn, Polizisten, Freunde, Verwandte und Politiker in Erinnerung gerufen, als sie mit Messern in den Händen aus den Häusern rannten, die Straße hinunter, den flüchtenden und vor Todesangst schreienden Kindern hinterher.
Vielleicht hätten die Träume dieser Kinder gerettet werden können.
Doch was ist eine Familie in ganz Ruanda? Ein Traum eines Kindes?
Es ist mehr als die Rettung des Traumes und die Rettung des Lebens. Es ist mehr als das Geschenk zu bekommen, leben zu dürfen.
Es ist ein Vorbild für alle, all diejenigen, die töten, weil es ein Befehl war.
Nicht nur für diejenigen.
Es ist die Hoffnung, in all den Menschen ein kleines Stück Menschlichkeit retten zu können.

 

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