Geradewegs in die Sackgasse: Warum die Darfur-Friedensverhandlungen in Sirte scheitern mussten

Wie zu erwarten war sind am 1. November die Friedensgespräche zwischen dem Regime in Khartum und verschiedenen Rebellenfraktionen aus Darfur abgebrochen worden. Die Verhandlungen im libyschen Sirte haben wieder einmal die unzureichenden Bemühungen der internationalen Gemeinschaft ans Licht gebracht, den Völkermord in Darfur zu stoppen.

Stattdessen konnte Khartum, nachdem es zu Beginn der Gespräche mit großem Getöse einen unilateralen Waffenstillstand verkündet hat, einen Tag nach dem Abbruch der Gespräche wieder ungehindert seine Söldner in Flüchtlingslager in Darfur schicken, um dort untergebrachte Flüchtlinge in unsichere Gegenden zu treiben, wie die Vereinten Nationen, Human Rights Watch und Journalisten in der Region berichten.

Dabei waren die Friedensgespräche scheinbar von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn niemand  anderes als Libyens Präsident Muammar al-Gaddafi hatte zu ihnen eingeladen, der von Beobachtern des Konflikts als einer der Hauptschuldigen für die regionale Instabilität gilt. Schließlich hatte er den Janjaweed als Teil seiner ‚Islamischen Legion‘ als erstes Waffen verschafft. Während eines Interviews mit Cambridger Studenten erklärte er, dass er den Darfur Konflikt ohnehin nur für einen größeren Stammestwist halte. Laut Gaddafi handele es sich nicht um viel mehr als einen Zank um ein Kamel.

  „Be aware that the main problem there is an issue of tribes … you might laugh but it is all about a quarrel over a camel.“

Diese Äußerung verdeutlicht wie fatal die Wahl von Gaddafi als Vermittler war: Ohne die Rebellengruppen zu konsultieren, hatte UN Generalsekretär Ban Ki-moon die Einladung akzeptiert. Das Ergebnis war, dass eine der wichtigsten Gruppen gar nicht erst in Sirte auftauchte.

Eines der Hauptprobleme in den Verhandlungen ist sicherlich, dass die Rebellen sich bisher nicht zu einer einheitlichen Gruppe haben zusammenschließen können und zum Teil radikale Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Gruppierungen bestehen. So haben die Rebellen, die im September den Stützpunkt der Afrikanischen Union (AU) nahe Haskanita angegriffen haben, wenig mit der Rebellenbewegung im Norden Darfurs gemeinsam. Dennoch sind die Aussichten für eine Vereinigung der verschiedenen Strömungen realistisch: Stammesvermittler glauben, dass innerhalb weniger Wochen eine gemeinsame Verhandlungsgrundlage erreicht werden kann und bitten deshalb um mehr Zeit vor weiteren Friedensgesprächen. Ein Zeichen für diese Entwicklung scheint die Abkehr von bedeutenden Persönlichkeiten derjenigen Rebellenfraktion zu sein, die das unsägliche Abuja Friedensabkommen unterzeichnet haben. Diese scheinen eine Distanzierung von ihrem brutalen und inkompetenten Führer Minni Minawi zu vollziehen und über eine Rückwendung zu ihrer ursprünglichen Rebellengruppe, der Sudan Liberation Movement/Unity, nachzudenken. Doch anstatt auf eine Vereinigung der Rebellen hinzuarbeiten, haben Vermittler der AU und der UN diese Aufgabe vernachlässigt und ihre Bemühungen auf das Regime in Khartum konzentriert. Sie haben nicht nach Wegen gesucht, die Differenzen zwischen lokalen Kommandeuren und Exil-Führern zu überbrücken. Noch weniger haben sie sich dafür eingesetzt, dass auch und gerade die Stimmen der Zivilisten in den Camps bei Friedensgesprächen Gehör finden.

Der tiefer liegende Grund für das Scheitern der Gespräche in Sirte ist jedoch, dass weder die UN noch die AU Willens sind, Khartum energisch die Stirn zu bieten. Die sudanesische Regierung hat einen ganzen Katalog von Verstößen gegen internationale Abkommen vorzuweisen: Sie widersetzt sich UN-Resolutionen, erschwert die Entsendung von humanitärer Hilfe und behindert auf mannigfaltige Weise die Entsendung der UN/AU Hybridtruppe. Das Regime in Khartum hat den Nord-Süd Friedensbeschluss von Januar 2005 gebrochen, und ebenso versagt sie die Erfüllung von Vereinbarungen des Abuja Friedensabkommen, z.B. die Entwaffnung der Janjaweed. Somit haben die Rebellen und die Menschen in Darfur wahrlich keinen Grund, den  Lippenbekenntnissen dieser Regierung zu trauen. Bisher hat sie sich noch nie an Vereinbarungen mit Rebellengruppen gehalten – also warum sollte es diesmal anders sein? Schließlich wurden selbst die Janjaweed von der Regierung betrogen. So ließ Khartum den Versprechungen, ihnen enteignetes Land zu geben, bisher keine Taten folgen. Nun herrscht in Darfurs Bevölkerung die von der Zentralregierung gesäte Gewalt, ganz gleich, ob es sich dabei um arabische oder afrikanische Stämme handelt.

Nichts wünschen sich die Menschen in Darfur mehr als ein Friedensabkommen, denn was am dringlichsten ersehnt wird ist Sicherheit. Hier und jetzt. Die Verbesserung der Sicherheitslage ist lebenswichtig, denn hiervon hängt auch die humanitäre Hilfe ab, von der heute ca. 4,2 Millionen Darfurer abhängig sind.  Bisher gibt es aber niemanden, der für ein solches Abkommen zu garantieren bereit ist, was die Ergebnisse von Friedensgesprächen leicht Makulatur werden lassen kann. Friedensgespräche werden aber nur dann erfolgreich geführt werden, wenn glaubhafter Druck auf die Beteiligten ausgeübt wird. Zu einem Gelingen ist die Unterstützung Pekings unerlässlich. Bisher hat China jedoch jegliche Sanktionen gegen Khartum verhindert und damit dem Regime von Khartum den Eindruck vermittelt, dass es mit einer Blockadetaktik ungestraft davon kommen kann. Die Rebellenführer müssen ernst genommen werden. Auf eine gemeinsame Position muss hingearbeitet werden. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass den Darfurern in den Flüchtlingslagern bei den Verhandlungen eine Stimme verliehen wird. Der Ort der nächsten Verhandlungen muss in einem größeren Einvernehmen gefunden werden, auch wenn Einstimmigkeit eine Utopie bleiben wird.

In der Zwischenzeit muss die sich verschärfende Sicherheitskrise angegangen werden. Denn wenn die Flüchtlingslager in Gewalt untergehen, werden hunderttausende Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder, sterben. Für diese Toten käme ein Friedensabkommen zu spät.

Unsere Autorin Johanne Kübler ist Policy Analyst für Genocide Alert.


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