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Gerechtigkeit und Versöhnung in Post-Konfliktgesellschaften: Lektionen und Maßnahmen für den Darfur-Konflikt

06.12.2009
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Die Bevölkerung Darfurs musste in den vergangenen Jahren ein unmenschliches Mass an Grausamkeiten und Gewalt erfahren. Diese Erfahrungen zerstörten nicht nur die physische und psychische Integrität einzelner Menschen, sondern auch die sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Bande der darfurischen Bevölkerung. Es stellt sich daher mehr denn je die Frage, wie der Darfur und dessen Gesellschaft wiederhergestellt werden können und wie die darfurische Bevölkerung zu einem nachhaltigen Frieden finden kann. Der vorliegende Genocide Alert Policy Brief versucht Antworten auf diese Frage zu geben, indem er Ansätze und Mechanismen zur Schaffung von Gerechtigkeit und Versöhung von (Post-)Konfliktgesellschaften untersucht und deren Potential im Hinblick auf einen Versöhnungsprozess im Darfur evaluiert. Davon ausgehend werden dann Schlussfolgerungen für einen erfolgreichen Gerechtigkeits- und Versöhnungsprozess im Sudan und Darfur abgeleitet sowie praktische Empfehlungen für die Planung und Umsetzung von „Transitional Justice“- Mechanismen gemacht.

 

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Den Genocide Alert Policy Brief 6/2009 "Gerechtigkeit und Versöhnung in Post-Konfliktgesellschaften: Lektionen und Maßnahmen für den Darfur-Konflikt" können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.



Gerechtigkeit und Versöhnung – zentrale Bestandteile eines umfassenden Friedenskonsolidierungsprozesses

Erfolgreiche Friedensbemühungen erfordern eine Betätigung in vier zentralen Dimensionen: Sicherheit und Ordnung; Sozioökonomische Entwicklung; Gouvernanz und Partizipation sowie Gerechtigkeit und Versöhnung. Gerade in Post- Konfliktgesellschaften mit Erfahrungen massiver Gewalt ist die letzte Dimension entscheidend, wenn die Grundlagen für einen nachhaltigen Frieden geschaffen werden sollen. Nur wenn neben allen anderen Massnahmen auch das Vermächtnis der Vergangenheit überwunden und die sozialen Beziehungen wiederhergestellt werden, kann eine Gesellschaft ihre Funktionsfähigkeit wieder erlangen und können zukünftige Konflikte ohne eine Rückkehr zur Gewalt gelöst werden. Diese Logik eines Versöhnungsprozesses und die entsprechenden Ansätzen und Mechanismen zu dessen Realisierung können im Begriff „Transitional Justice“ zusammengefasst werden. Zu den einzelnen Ansätze und Mechanismen gehören: Amnesie, Amnestie, Vergebung, Wahrheitsfindung, Entschädigung, Lustration sowie Strafverfolgung. Alle diese Ansätze haben das Potenzial zur erfolgreichen Bewältigung einer konfliktreichen und gewaltsamen Vergangenheit beizutragen; jedoch ist kein Ansatz für sich genommen ausreichend. Die Wiederherstellung sozialer Beziehungen erfordert einen fruchtbaren Ausgleich zwischen Ansätzen retributiver und restaurativer Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit und Versöhnung in der Praxis – Lektionen und Einsichten

Verschiedene Fallstudien illustrieren die Möglichkeiten und Grenzen von Transitional Justice Mechanismen. Die Beispiele Tschads, Südafrikas, Ruandas und Sierra Leones zeigen die Herausforderungen und Dilemmata von Versöhnungsprozessen und erlauben es potenziell erfolgsversprechende Modelle zu identifizieren. Die Versöhnungsprozesse in Südafrika und Ruanda näherten sich aus unterschiedlichen Positionen einem gemischten Transitional Justice Modell an. In Südafrika wurde deutlich, dass Wahrheit und konditionelle Amnestie nicht ausreichend sind, um langfristig Versöhnung und Frieden zu schaffen. In Ruanda zeigte sich, dass eine absolute und umfassende strafrechtliche Gerechtigkeit ebenfalls nicht praktikabel ist und der Ergänzung durch Formen restaurativer und sozialer Gerechtigkeit bedarf. Der Fall Sierra Leones deutete das Potential eines gemischten Transitional Justice Modells an, welches die verschiedenen Mechanismen vor dem Hintergrund der politischen Realitäten und des spezifischen Kontexts geschickt kombiniert und pragmatisch sequenziert.

Aus der Theorie und den Fallbeispielen lassen sich, neben allen spezifischen Vor- und Nachteilen einzelner Transitional Justice Mechanismen, auch allgemeine Lehren für die Gestaltung von Gerechtigkeits- und Versöhnungsprozessen ziehen. Diese Lehren zeigen sich in den verschiedensten Aspekten eines solchen Prozesses: Sicherheit und Stabilität als Grundvoraussetzung; Beachtung des Konfliktkontext; breiter Friedenskonsolidierungsansatz; ganzheitliche Konzeption von Gerechtigkeit; Verminderung von Spannungsverhältnissen sowie pragmatischer Ausgleich zwischen Formen retributiver und restaurativer Gerechtigkeit; Mischmodelle, Timing und Sequenzierung; Strategieplanung, Koordination und Kooperation; Langfristigkeit; Internationales Engagement und „Do No Harm“; Die Rolle von Leadership, Drittparteien und der Zivilgesellschaft sowie Ownership, Bedürfnisorientierung und die Berücksichtigung traditioneller Mechanismen. Diese Aspekte und Einflussfaktoren eines (erfolgreichen) Gerechtigkeits- und Versöhnungsprozesses zeigen, dass dieser kein einfaches Unterfangen ist. Die erfolgreiche Planung und Umsetzung eines Transtional Justice Modells erfordert Weisheit, Kreativität, Pragmatismus und Weitsicht. Vor allem erfordert es aber auch eine gewisse Sensibilität aller Beteiligten – und insbesondere der Internationalen Akteure – für das politisch machbare und die zentralen Bedürfnisse der leidgeprüften Bevölkerung.  

Gerechtigkeit und Versöhnung im Darfur – Ansätze, Aussichten und Politikempfehlungen

Ein nachhaltiger Versöhnungsprozess kann erst einsetzen, wenn im Darfur ein Minimum an Sicherheit und Ordnung besteht und sich die Konfliktparteien zu einem ernsthaften Friedensprozess bekennen. Bereits in der Vergangenheit, wurden im Sudan im Rahmen dreier lokaler Friedensabkommen verschiedene lokale Transitional Justice Mechanismen angesprochen und vereinzelt auch umgesetzt. Weitere Mechanismen finden sich auch auf nationaler und internationaler Ebene, jedoch sind diese, abgesehen von den Justizmechanismen, meist nur theoretischer Natur und existieren höchstens in Ansätzen. Mit dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) ist im Falle Darfurs auch ein internationaler Mechanismus mit Gerechtigkeit und Versöhnung beschäftigt.

Abgesehen von der Grundvoraussetzung einer einigermaßen stabilen Situation, erfordert ein erfolgreicher Versöhnungsprozess in seinem Kerngehalt zwei weitere Elemente: die Etablierung und Anerkennung der Wahrheit sowie die Gewährleistung von Formen der Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit. Ein Transitional Justice Modell, welches langfristig Vergebung, Versöhnung und die Wiederherstellung sozialer Beziehungen erreichen möchte, muss daher bestrebt sein, diese Kernelemente in einer ausgeglichenen Form umzusetzen. Dazu stehen im Falle des Sudans und insbesondere Darfurs verschiedene Mechanismen zur Verfügung, welche alle einen Beitrag zu Versöhnung und Frieden leisten können, falls sie geschickt kombiniert und in einem sequenzierten Prozess umgesetzt werden.

Wie ein konkretes Transitional Justice Modell im Falle Darfurs auszusehen hätte, kann momentan nur ansatzweise skizziert werden. Erst wenn es die politischen Umstände erlauben und ein Friedensprozess eingesetzt hat, wird es möglich sein, ein konkretes Modell vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse zu entwerfen und zu implementieren. Für einen erfolgreichen Versöhnungsprozess sollten in einem Post- Konflikt Darfur folgende Mechanismen, Implementierungsprozesse und allgemeinen Prinzipien beachtet werden:

• Bekämpfung einer Kultur der Straflosigkeit mittels Strafverfolgung der Hauptverantwortlichen durch nationale und internationale Justizmechanismen;
• Schaffung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission zwecks Etablierung der Wahrheit und Ausrichtung von Entschädigunsleistungen;
• Gewährung einer beschränkten und konditionellen Amnestie zwecks Etablierung der Wahrheit;
• Implementierung angemessener Reparations- und Reintegrationsprogramme durch die sudanesische Regierung, um den Versöhnungsprozess glaubwürdig zu machen und diesen mit bedürfnisgerechten Maßnahmen zu konkretisieren;
• Berücksichtigung der traditionellen Mechanismen und lokalen Initiativen in der Ausgestaltung und Umsetzung eines gemischten Transitional Justice Modells;
• Angemessene Sequenzierung: Während die Mechanismen der Strafverfolgung der Hauptverantwortlichen und die Wahrheits- und Versöhnungskommission gleichzeitig von statten gehen können – falls die Bevölkerung angemessen über das Verhältnis dieser beiden Mechanismen aufgeklärt wird –, sollte eine Strafverfolgung der „kleineren Fische“ erst stattfinden, nachdem die Wahrheitsund Versöhnungskommission ihre Arbeit abgeschlossen hat und das nationale Justizsystem reformiert und gestärkt wurde;
• Die Planung und Umsetzung dieser Mechanismen und Prozesse sollte durch die sudanesische Regierung mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und in Konsultation mit der betroffenen Bevölkerung geschehen;

Wann, wie und in welcher Kombination diese Mechanismen schlussendlich umgesetzt werden sollen, kann im Rahmen dieses Policy Briefs nicht abschliessend gesagt werden. Das Ziel ist lediglich zentrale Aspekte eines künftigen Versöhnungsprozesses im Sudan und Darfur aufzuzeigen und für die damit verbundenen Grenzen, Möglichkeiten und Herausforderungen zu sensibilisieren. Es wird auf jeden Fall ein so genanntes „Window of opportunity“ brauchen, bis ein umfassender Versöhnungsprozess im Sudan umgesetzt werden kann.




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