„Je leichter sich Gut und Böse unterscheiden lassen und je einfacher Lösungen zu sein scheinen, desto größer wird das Interesse für einen Konflikt.“
– Bettina Gaus, tageszeitung

20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda: Medienberichterstattung und Konflikt

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Podiumsdiskussion am 04.06. in Hamburg

Wie berichteten deutsche Medien 1994 über den Völkermord in Ruanda? Wie berichtet man über einen Genozid ohne vor Ort zu sein? Und was sind die Herausforderungen für die Berichterstattung zu Konflikten heute? Um diese Fragen zu diskutieren, luden am 4. Juni 2014 Genocide Alert, die Henri-Nannen-Journalistenschule und die Heinrich-Böll-Stiftung zur Diskussion im Auditorium von Gruner + Jahr in Hamburg ein. Es diskutierten Bettina Gaus, Journalistin für die tageszeitung (taz), Dagmar Dehmer, Politikredakteurin beim Berliner Tagesspiegel und Markus Frenzel vom ARD Magazin FAKT. Die Journalistin und Expertin für Sicherheitspolitik Julia Weigelt moderierte die Diskussion. [hier den Bericht der Veranstaltung weiterlesen]

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Reaktionen in sozialen Netzwerken zur Veranstaltung am 04. Juni 2014

[…Weiterführung des Berichts, der hier als PDF mit Fotos heruntergeladen werden kann.]

Die Medienberichterstattung zum Völkermord in Ruanda 1994

In der ersten Hälfte der Diskussion diskutierten Frau Gaus, Frau Dehmer und Herr Frenzel die Medienberichterstattung zum Völkermord in Ruanda 1994. Der ehemalige ZEIT-Journalist Bartholomäus Grill schrieb im März 2014 einem Artikel im Spiegel, in dem er sich für seine eigene Berichterstattung entschuldigte: „Auch ich schrieb damals, aus der Ferne, unverzeihliche Texte, für die ich mich bis heute, 20 Jahre später, schäme.“

Bettina Gaus kritisierte Grill für seinen Artikel. Er sei damals in Südafrika akkreditiert gewesen. Sie fände es richtig, dass die Kollegen in Südafrika sich entsprechend auf die Wahl Nelson Mandelas Südafrika konzentriert hätten. Für die Kollegen in Nairobi habe Grills Aussage,  dass man sich nicht genügend auf Ruanda konzentriert habe, auch nicht gegolten. „Spätestens, ich sag mal am 12. April wussten wir auch durch zahlreiche Stringer, die vor Ort war, was los war. Und dann ging es nur noch um Ruanda.“ Der  Völkermord sei „Titelgeschichte in allen großen Magazinen“ gewesen, so Gaus.  Sie erinnerte an eine Zeitschriftenüberschrift:  „There are no devils left in Hell. They are all in Rwanda”.

“There are no devils left in Hell. They are all in Rwanda.”
– Titel des Magazins “TIME” im Mai 1994

Dagmar Dehmer hatte sich anlässlich des 20. Gedenkens an den Völkermord in diesem Jahr die Berichterstattung des Tagesspiegels von 1994 angeschaut. Sie berichtete es habe viele sehr knappe Texte gegeben, die wenig Informationen zu Ruanda enthielten. „Es gab im ersten Monat relativ wenig Analyse.“ Diese habe nicht für alle Zeitungen gegolten – zum Beispiel nicht für die taz, aber für den Tagesspiegel schon. Viele Regionalzeitungen hätten erst mit den Berichten aus den Flüchtlingslagern in Goma – nach dem Völkermord – richtig mit der Berichterstattung begonnen. 

Markus Frenzel kommentierte die Bilder der Tagesschau vor 20 Jahren zu Ruanda, die alle Teilnehmer zusammen ansahen. Soweit er das nach dem Durchschauen von den Archivbildern bewerten könne, habe die tagesschau damals die „heftigsten“ Bilder gezeigt, die es zu diesem Zeitpunkt gegeben hätte. Die Journalisten hätten damals eine „saubere Arbeit“ gemacht: „Diese Bilder von Brutalität muss man erstmal kriegen. Da waren sehr mutige Leute dort.“ Seine Kritik richte sich eher an die staatlichen Stellen, die sehr viele geheimdienstliche Informationen gehabt und dennoch nicht gehandelt hätten.

Eine Teilnehmerin aus dem Publikum sah die Berichterstattung der deutschen Medien kritischer als die Podiumsteilnehmer: „Da bringen sich zwei Volkgruppen gegenseitig um“ oder „man massakriert sich“ seien Zitaten, die beispielhaft die Mängel der damaligen Berichterstattung  darstellten. „Ich glaube“, so die Teilnehmerin, „dass sich einige Journalisten hätten entschuldigen müssen, dass sie es an einer profunden Analyse haben mangeln lassen.“

„Ich glaube, dass sich einige Journalisten hätten entschuldigen müssen, dass sie es an einer profunden Analyse haben mangeln lassen.“
– Teilnehmerin im Publikum

Vor welchen Herausforderungen stehen Journalisten heute bei der Berichterstattung von Konflikten?

In der zweiten Hälfte der Diskussion debattierten die Podiumsteilnehmer und das Publikum die Herausforderungen bei der heutigen Konfliktberichterstattung. Ein grundsätzliches Problem, so schienen sich alle einig zu sein, bleibt es, für komplexe und schwierige Konflikte genügend Raum zu erhalten – sowohl im Fernsehen als auch in Zeitungen.

Es sei immer einfacher, ein Thema unterzubringen, wenn es dem Zuschauer oder dem Leser näher sei. Er behandle die Themen Menschenrechte, Sicherheitspolitik oder Afrika, so Markus Frenzel, und seine Beiträge würden immer möglichst am Schluss der FAKT Sendung gezeigt, kurz vor den tagessthemen, damit möglichst wenig Leute noch wegschalten würden. Bei schrecklichen Bildern würden die Leute umschalten und die Quote werde gesenkt.

Eine grundsätzliche Herausforderung bei der Berichterstattung von Konflikten sei die notwendige Reduzierung von Komplexität.  Sie erwarte [von Berichterstattern im Konfliktgebiet] dass sie wüssten worüber sie schreiben, so Dagmar Dehmer. Sie müssten die dann aber – in Kooperation mit der Redaktion –auch so rüberbringen können, dass es auch Leute, die sich nicht so gut mit der Situation auskennen würden, verstehen könnten.

„Je leichter sich Gut und Böse unterscheiden lassen und je  einfacher Lösungen zu sein scheinen, desto größer wird das Interesse für einen Konflikt“, so Bettina Gaus. „Ich finde es ist alles legitim, was versucht, Interesse zu wecken, solange es nicht offensiv unsinnig wird. Nur manchmal wird eine zu große Vereinfachung von Komplexität einfach falsch.“ Markus Frenzel fand als öffentlich-rechtlicher Sender habe man die Verantwortung auch diese schweren Themen zu bearbeiten. Aber durch einen emotionaleren Einstieg könne man die Menschen besser erreichen. „Da ist es mir lieber, ich reduziere in gewisser Weise die Komplexität – solange ich nichts Falsches erzähle – und habe dafür ein paar hunderttausend Zuschauer mehr.“

„Je leichter sich Gut und Böse unterscheiden lassen und je einfacher Lösungen zu sein scheinen, desto größer wird das Interesse für einen Konflikt.“
– Bettina Gaus, tageszeitung

Markus Frenzel und Bettina Gaus das Video „Kony 2012“ einer amerikanischen NGO. Frenzel zeigte sich „begeistert“ von dem Film, der den Konflikt um den Anführer der Lords Resistance Army „mit Hollywood Brille“ erkläre. Die NGO habe es geschafft, mehrere zehn Millionen Zuschauer zu erreichen, aber sei dafür heftig für die zu starke Vereinfachung kritisiert worden. Bettina Gaus kritisierte den Film dagegen scharf und nannte ihn ein Beispiel für die Instrumentalisierung von Medien durch die Politik.   

Auf die Frage, ob es möglich sei, mit sozialen Medien mehr Interesse für komplexe Konfliktsituationen zu wecken, antwortete Bettina Gaus, dass soziale Medien sehr gut seien für die Sammlung von Informationen, wenn man sich sowieso schon für ein Thema oder einen Konflikt interessiere. Aber man könne nicht viel neue Aufmerksamkeit erlangen. „So einen Völkermord kann man mit Social Media auch nicht verhindern.“

„Da ist es mir lieber, ich reduziere in gewisser Weise die Komplexität – solange ich nichts Falsches erzähle – und habe dafür ein paar hunderttausend Zuschauer mehr.“
– Markus Frenzel, ARD Magazin FAKT

Auf eine Nachfrage von Twitter hin, diskutierten die Podiumsteilnehmer das Problem, dass immer erst dann über einen Konflikt berichtetet würde, wenn er schon ausgebrochen sei. Bettina Gaus beschrieb das Problem für die Berichterstattung so: „Frieden ist immer so ‚langweilig‘ – in Anführungszeichen. Krieg hat eine Dynamik. Ich kann über eine friedliche Situation oder eine angespannte Situation immer nur eine Reportage schreiben. Ich schildere: es gibt keine Kämpfe, die Kinder gehen zur Schule, der Verkehr läuft normal. Was schreib ich morgen? Es gibt immer noch keine Kämpfe.“ Bei einem Krieg gäbe es dann mehr Dynamisches zu berichten „jetzt ist die Stadt eingenommen worden. Diese Leute sind von der Außenwelt abgeschottet…“ Sie sehe das selber sehr kritisch, so Gaus, aber so sei die Realität: „Das Problem ist, Frieden ist stärker statisch.“ Markus Frenzel stimmte dem zu. Er habe zum Beispiel zuletzt zu Spannungen in Tansania recherchiert, aber bevor ein Konflikt wirklich ausbreche, sei es schwer, eine Geschichte zu erzählen, die ein Fernsehpublikum wirklich interessieren würde.

Alle drei Journalisten gaben ein paar Tipps für junge Journalisten weiter, die sich für die Berichterstattung von Konflikten interessieren. Markus Frenzel betonte, aktuelle Informationen bekomme man heutzutage sehr schnell über soziale Medien. Aber die Analyse und die Hintergrundinformationen müssten immer noch von den Journalisten „mit dem ganz klassischen Handwerk“ geleistet werden. Hier gäbe es auch große Chancen für junge Journalisten. Eine Konzentration auf ein Interessengebiet helfe, da waren sich Bettina Gaus und Markus Frenzel einig. Auch Fremdsprachen zu können, sei sehr hilfreich. Frau Dehmer empfahl den jungen JournalistInnen bereits in Deutschland  anzufangen, sich mit einer Region oder einem Land zu beschäftigen und hier schon mit Menschen in den Kontakt zu kommen um Netzwerke aufzubauen, auf die man später mit Fragen zurückgreifen könnte. Man müsse bei der Berichterstattung von Konflikten immer möglichst viele Informationen gewinnen. Meistens würde man von beiden Kriegsparteien als Journalist benutzt und müsse möglichst viel Hintergrundwissen und Netzwerke haben, auf die man zurückgreifen könne.

Links: 

Sarah Brockmeier: Deutschland und der Völkermord in Ruanda. Heinrich-Böll-Stiftung (2014)