Panel bei der Konferenz „Aghet und Shoah – Das Jahrhundert der Genozide“ von 8. bis 10. November 2015

„Aghet und Shoah“ in Berlin: Genozide als Gegenstand unterschiedlicher Forschungsfelder – Ein Konferenzbericht

Die Wilhelmstraße liegt zwischen den beiden Ortsteilen Mitte und Kreuzberg. Unter den Nazis war diese Straße das Zentrum der Macht. Heute befindet sich dort das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, das über die Gräueltaten im Dritten Reiches aufklärt: ein passender Ort, für die vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam, dem Lepsiushaus Potsdam und der Stiftung Topographie des Terrors veranstaltete internationale Konferenz „Aghet und Shoah – Das Jahrhundert der Genozide“ von 8. bis 10. November 2015.

In unmittelbarer Nachbarschaft wurde vor keinen 80 Jahren die grausamste Vernichtung mehrerer Millionen Menschen nicht nur organisiert, sondern deutlich vorangetrieben. Auch wenn der Holocaust in seiner Form einmalig in der Weltgeschichte ist; er ist nicht der einzige Genozid. Viele weitere Male haben Menschen sich dazu entschieden, ein Volk auszulöschen. Die vielfältigen Beiträge zur Konferenz zielten entsprechend auf eine historisch-vergleichende Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Entstehung, des Verlaufs und der Aufarbeitung von Völkermorden ab.

Eröffnung durch Shashi Tharoor, ehem. Außenminister Indiens und ehem. stv. UN-Generalsekretär

Der ehemalige Außenminister Indiens und ehem. stv. UN-Generalsekretär Dr. Shashi Tharoor bei der Konferenz Aghet und Shoah im Nov. 2015 in Berlin

Der ehemalige Außenminister Indiens und ehem. stv. UN-Generalsekretär Dr. Shashi Tharoor bei der Konferenz Aghet und Shoah im Nov. 2015 in Berlin

Für den Eröffnungsvortrag wurde der ehemalige Außenminister Indiens und ehemalige stellvertretende UN- Generalsekretärs unter Kofi Annan, Dr. Shashi Tharoor, eingeladen. In seiner Rede gab er einen Überblick über die internationale Strafverfolgung von Massenverbrechen und ging dabei insbesondere auf die stetige Entwicklung der Definition von Völkermord ein. Weiterhin lobte er die Rolle Berlins, die als ehemalige Hauptstadt des Dritten Reiches nun dauerhaft an die eigenen Verbrechen erinnert. Abschließend machte er deutlich, dass das „Vermächtnis der Welt“ durch die millionenfache Auslöschung von Menschen und den daraus resultierenden dauerhaften Verlust von Talenten eindeutig beeinträchtigt wurde. Aus diesem Grund sollte die Menschheit stets wachsam gegenüber xenophoben Vorurteilen sein, die zu einer Dehumanisierung von Menschen führen können.

Interdisziplinäre Blickwinkel auf Völkermorde

Der nächste Tag führte die Teilnehmenden durch drei Panels, die vielfältige Thematiken behandelten. So wurde der Zusammenhang von Kolonialismus und Völkermorden aus verschiedenen Blickwinkeln aufgegriffen. Welchen Aufschluss insbesondere die Literatur auf die Völkermorde in den ehemaligen deutschen Kolonien geben kann, verdeutlichte der Literaturwissenschaftler Dr. Medardus Brehl aus Bochum. Zeigen doch unter anderem die ausführlichen Berichte des Gouverneurs Deutsch-Ostafrikas Gustav Adolf Graf von Goetzen, dass der Kolonialismus und die spätere Vernichtung der Herero und Nama durch sozialdarwinistische und rassistische Begründungen legitimiert wurden, wie beispielsweise, dass Afrikaner nichts zum Fortschritt der Menschheit beitrügen.

Prof. Dr. Sönke Neitzel (Potsdam) stellte im zweiten Panel vor, welche Probleme die Geschichtswissenschaft mit, geeignete Quellen zur Bestimmung des Wissens beteiligter oder unbeteiligter Personen zu identifizieren. Wie sei es zu bestimmen, was ein einfacher Wehrmachtssoldat über den Holocaust wusste? Briefe oder Tagebücher könnten darauf Aufschluss geben, doch sind sie stets davon geprägt, dass der Soldat bewusst Informationen verfälscht oder auslässt. Aus diesem Grund hat er sich britische Abhörprotokolle von Wehrmachtssoldaten als Quelle näher angeschaut und konnte dadurch tiefergehende Erkenntnisse über die Gedanken der Soldaten zum Holocaust erlangen.

Das dritte Panel beschäftigte sich mit der Täterforschung, welche innerhalb der Holocaustforschung eine brisante Rolle einnimmt. Ist es überhaupt möglich, Motive von Tätern historisch ausfindig zu machen? Sind Aussagen von Menschen, nicht immer gefärbt, manipuliert oder bewusst unvollständig gehalten? Prof. Dr. Stefan Kühl (Bielefeld) meint, dass die wahren Motive niemals zu erkennen sind, sondern lediglich, welche Motive eine Person oder Gesellschaft selber darlegt. In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls wichtig, die Situation genauer zu betrachten, in welcher diese Aussagen getätigt werden.

Der erste Tag wurde mit einer Führung durch die Dauerstellung des Dokumentationszentrums beendet, welche trotz der bereits angesprochenen Schwierigkeiten einen genaueren Blick auf die Täter im Dritten Reich richtet.

Aufarbeitung von Völkermorden

Ende des zweiten Tages der Konferenz „Aghet und Shoah – Das Jahrhundert der Genozide“ von 8. bis 10. November 2015 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin

Ende des zweiten Tages der Konferenz „Aghet und Shoah – Das Jahrhundert der Genozide“ von 8. bis 10. November 2015 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin

Die Vorträge des nächsten Tages in Berlin beleuchteten weitere Massenverbrechen und Genozide der Weltgeschichte und deren juristische Aufarbeitung, gesellschaftliche Verarbeitung wie auch Erinnerung.

Im vierten Panel wurde aufgrund dessen unter anderem Dr. Daniel Bultmann (Berlin) eingeladen, der sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten mit den Gräueltaten der Roten Khmer im Kambodscha der 1970er Jahre auseinandersetzt. Laut ihm tendiert die aktuelle Forschungsdebatte zu sehr auf die Skandalisierung von Mordtechniken, indem vom Verspeisen von menschlichen Innereien oder dem buchstäblichen Abschlachten von Menschen auf den sog. Killing Fields gesprochen wird. Dadurch rücken laut Bultmann die tatsächlichen Orte der staatlichen Unterdrückungs- und Folterherrschaft in den Hintergrund: die hunderten Gefängnisse. Dort waren auch nicht ausschließlich Intelektuelle interniert, sondern nach und nach auch eigene Kadermitglieder, die z.B. den zu hoch angesetzten Produktionsplan ihres Standortes nicht einhalten konnten. Genocide Alert führte mit Herrn Bultmann zu eben jener Thematik ein Interview, welches hier nachgelesen werden kann.

Unter anderem Ruanda war Thema des vorletzten Panels der Tagung. Dieses Panel war der Entwicklung von Gesellschaften nach dem Ende von Massenverbrechen gewidmet, wie der justiziellen Aufarbeitung des Genozids an den Tutsi von 1994 in Ruanda. Dr. Gerd Hankel (Berlin) prangerte die von ihm als Siegerjustiz bezeichnete Aufarbeitung an. Zwar seien viele Täter von 1994 von Gerichten verurteilt worden, jedoch wurden dabei die vom neuen Regime begangenen Straftaten in Scheinverhandlungen kaum bis gar nicht aufgearbeitet. Dies schade einer postgenozidalen Gesellschaft, da besonders Täter von 1994 sich darauf berufen könnten, dass die andere Seite ihre eigenen Handlungen zu verdecken versucht. So würde ein Reueprozess nicht erfolgreich stattfinden können und eine freie, geeinte Gesellschaft schwer entstehen . Auch mit Herrn Hankel führte Genocide Alert ein Interview.

Abschluss der Tagung war ein Vortrag zur Rolle von Denkmälern zu Völkermorden von Ellen Rinner (Berlin). Dabei nahm sie besonderen Bezug auf das von Mehmet Aksoy errichtete und später von der türkischen Regierung zerstörte „Denkmal der Menschlichkeit“ in der Nähe der armenisch-türkischen Grenze. Denkmäler seien stets Ausdruck davon, wie die Gesellschaft über ein Ereignis zu einem bestimmten Punkt in der Zeit denkt und wie sie diese Gedanken der nachfolgenden Generation vermitteln möchte. Aus diesem Grund können Denkmäler eine wichtige Rolle in postgenozidalen Gesellschaften einnehmen. Sie können Ausdruck von Reue sein, davon, dass die eigenen Taten anerkannt wurden und als Mahnung, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.

Genozide dürfen kein alleiniges Thema für die Geschichtswissenschaft sein

Die Konferenz Aghet und Shoah hat aufgezeigt, wie wichtig Lehren aus der Geschichte für die Auseinandersetzung mit aktuellen Massenverbrechen ist: So dürfen bei der Strafverfolgung solcher Verbrechen und in deren Aufarbeitung keine Selektivität und Doppelstandards an den Tag gelegt werden. Eine Erinnerungskultur ist wichtig. Letztlich wurde aber deutlich, dass auch in dem von Shashi Tharoor gelobten Berlin die Erinnerungskultur selektiv ist: Obwohl Berlin viele Gedenkorte zum Holocaust hat, gibt es lediglich eine kleine Erinnerungsstätte auf dem abgelegenen Garnisonfriedhof in Berlin Neukölln für den Völkermord an den Herero und Nama in Namibia während der deutschen Kolonialherrschaft. Daher kann auch die deutsche Erinnerungskultur in gewisser Weise als selektiv bezeichnet werden. Bei der Konferenz wurde deutlich, dass Genozide kein alleiniges Thema für die Geschichtswissenschaft sein dürfen. Solche Gräueltaten – dies zeigten auch die verschiedenen Konferenzbeiträge, gilt es interdisziplinär zu beleuchten. Dabei sind Literaturwissenschaftler ebenso gefragt, wie Soziologen, Historiker, Politologen oder auch Kriminologen.

 

Autor: Timo Leimeister, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Genocide Alert

 

Weitere Informationen zur historischen Aufarbeitung von Massenverbrechen und Völkermorden sind auf unseren Projektseiten zu Ruanda und Srebrenica zu finden:

» Zwanzig Jahre nach dem Genozid in Ruanda

» 20 Jahre nach Srebrenica


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