„Weil die Kinder der Fur zu Rebellen geworden sind, sind alle Fur und alles, was sie besitzen Kriegsbeute geworden.“

Ein Zitat eines Mannes, der aufgrund von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt ist. Der Haftbefehl wurde durch die Staatsanwaltschaft des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) am 2. Mai 2007 erlassen. In welch groteskem Zusammenhang steht dieser Satz jedoch, wenn man weiß, dass es sich bei diesem Mann um den Minister für humanitäre Angelegenheiten handelt?!

Die Rede ist von Ahmed Mohammed Harun, der ungefähr 1964 als Mitglied des Bargou Stammes in der Provinz Nord-Kordofan im Sudan geboren wurde, an der Cairo University studierte, zum Richter ausgebildet und nach 1990 in den sudanesischen Geheim- und Sicherheitsdienst (Intelligence and Security Service) berufen wurde, wo er bis ca. 2005 aktiv war. 1995 ernannte man Harun offiziell zum Chief of Staff des Gouverneurs der Provinz Nord-Kordofan. Zu seinen Aufgaben in dieser Position gehörte es unter anderem, lokale Stämme zu mobilisieren und diese in die sogenannte Popular Defence Forces (PDF) zu integrieren. PDF bezeichnen Reserveeinheiten, die zur Bekämpfung von Aufständen eingesetzt wurden und letztlich der Niederschlagung eines internen Aufstandes in der Provinz dienten- eine Taktik, die nun auch in Darfur angewendet wird.

Als Mitglied der regierenden National Party war Harun sudanesischer Innenstaatssekretär und wurde 2003 zum Leiter des „Darfur Security Desk“ ernannt. In dieser Position organisierte er sowohl die Rekrutierung, Finanzierung als auch die Bewaffnung der Janjaweed Milizen (die von der sudanesischen Regierung im Kampf gegen die Rebellengruppen Sudan Liberation Movement/Army und des Justice and Equality Movement eingesetzt wurden) und führte diese laut Zeugenaussagen auch selbstständig durch. Er setzte sie in vollem Wissen über sämtliche Gräueltaten ein oder war sogar selbst aktiv an Angriffen beteiligt. Die Janjaweed Milizen begingen regelmäßig und oft zusammen mit Einheiten der sudanesischen Armee Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, insbesondere an Zivilisten. Ahmed Harun sah sich als Leiter des „Darfur Security Desk“ in der Verantwotung „im Interesse von Frieden und Sicherheit in Darfur zu töten und zu vergeben“. Sprich er sah sich in der Position, die Macht und die Autorität zu besitzen willkürlich Vergewaltigungen, Tötungen, Verfolgung, Folter, Vertreibungen, Zerstörung von Privateigentum, Plünderungen, unmenschliche Handlungen, Beeinträchtigung der persönlichen Würde, Angriffe auf die Zivilbevölkerung und schwerwiegende Beraubung der körperlichen Freiheit zu begehen. All diese schwerwiegenden Verbrechen -begangen an Personen, die nicht am bewaffneten Konflikt teilnahmen- sah er dadurch als gerechtfertigt an, als dass diese dazu dienten, die Zivilisten von einer allfälligen Unterstützung der Rebellen abzuhalten. Anders formuliert sind seiner Meinung nach sowohl Kriegsverbrechen als auch jegliche Verbrechen gegen die Menschenwürde –durchgeführt an unschuldigen Zivilisten- lediglich eine präventive Maßnahme, um eine mögliche Unterstützung der Rebellen  vorzubeugen.

Trotz des Haftbefehls am 2. Mai 2007 weigert sich der Sudan jedoch, Harun zu überstellen und anerkennt die Zuständigkeit des IstGH nicht. Stattdessen wurde Harun vier Monate nach diesem Haftbefehl zum Co-Präsidenten des Nationalkommittees ernannt, welches mit der Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen im Sudan und besonders in Darfur beauftragt wurde. Diese Absurdität  kann und darf man nicht verstehen und sollte auch all diejenigen endlich wachrütteln, die sich bis jetzt noch nicht so sehr mit dem Konflikt in der im Westsudan gelegenen Provinz Darfur beschäftigt haben.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden sie unter:
Kein Frieden ohne Gerechtigkeit: Kriegsverbrecher hinter Gitter!

Autorin dieses Artikels, Jana Becks, ist Mitglied bei Genocide Alert.

Klimawandel als Ursache des Völkermords in Darfur?

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) berichtete am 21. Juni 2007, dass es Belege für einen langfristigen regionalen Klimawandel in mehreren Teilen des Sudans gebe, der durch einen starken Rückgang der Niederschläge gekennzeichnet ist. Das Ausmaß des Klimawandels in Nord-Darfur ist enorm. Seine Auswirkungen sind gemäß des Berichts der UNEP einer der Auslöser für den Konflikt in Darfur.

Klimawandel und der Völkermord in Darfur

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) berichtete am 21. Juni 2007, dass es Belege für einen langfristigen regionalen Klimawandel in mehreren Teilen des Sudans gebe, der durch einen starken Rückgang der Niederschläge gekennzeichnet ist. Das Ausmaß des Klimawandels in Nord-Darfur ist enorm. Seine Auswirkungen sind gemäß des Berichts der UNEP einer der Auslöser für den Konflikt. Diese Feststellung wirft ein Schlaglicht auf die sicherheitspolitischen Implikationen der Erderwärmung. Es stellt sich aber auch die Frage, in wie weit durch eine solche Analyse von der Verantwortung der sudanesischen Regierung abgelenkt wird, denn schließlich hat sie die politische Entscheidung zum Völkermord getroffen.

Klimawandel als Ursache für die Krise in Darfur?

Der Bericht besagt, dass ein steigender Konkurrenzkampf um Wasser, Nahrung, Land und Bauholz bei gleichzeitiger Abnahme von Regenfällen (als Resultat des regionalen Klimawandels) ein signifikanter Stressfaktor in Darfur ist. Die wenigen Teile nutzbaren Landes waren schon in der Vergangenheit eine Quelle von Konflikten zwischen Nomaden (tendenziell Araber) und sesshaften Farmern (Araber und Afrikaner). Arabische Nomaden und sesshaften Farmer arbeiteten in der Vergangenheit jedoch zusammen und bildeten so eine sozio-ökonomische Symbiose. Die Farmer erlaubten den Nomaden ihr Vieh auf ihr Land zu lassen. Als Gegenleistungen bekamen sie Milch, Fleisch und andere Naturalien. Konflikte wurden auf traditionelle Weise gelöst, so dass es zu keinen andauernden Konflikten zwischen Stämmen kam. Die Auswirkungen des regionalen Klimawandels haben die Ausgangssituation in Darfur jedoch verschärft und zur Entstehung von Konflikten beigetragen, da bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum eine geringere Anzahl an natürlichen Ressourcen zur Verfügung steht. Auch wenn der Klimawandel sicherlich eine Ursache für zunehmende Konflikte in der Region ist, so kann dieser jedoch nicht für den von der sudanesischen Regierung organisierten Völkermord verantwortlich gemacht werden. Völkermord ist keine Naturkatastrophe sondern immer eine beabsichtigte und geplante Politik zur Zerstörung bestimmter Volksgruppen. Die zunehmende Ressourcenknappheit war unter diesem Gesichtspunkt eine der strukturellen Ursachen für den Ausbruch des Konflikts zwischen Regierung und Rebellen. Die tatsächliche Entscheidung zur Vernichtung, Vertreibung, Terrorisierung und Vergewaltigung von unschuldigen Zivilisten bestimmter afrikanischer Stämme ist jedoch eine willentliche Entscheidung gewesen, für welche die Regierung in Khartum zur Rechenschaft gezogen werden muss.

Ist Darfur nur der Anfang?

Die Verwüstung in Darfur zeigt die potentiellen katastrophalen Effekte des Klimawandels auf Gesellschaften in Afrika. Mittlerweile kommt es auch in Flüchtlingsgebieten angrenzender Staaten wie dem Tschad oder der Zentralafrikanischen Republik zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Zivilisten. Lokale Farmer beklagen beispielsweise, dass der Zustrom von Flüchtlingen ihr Land ruiniere. Die Anzahl an Flüchtlingen in den Flüchtlingslagern ist zu groß und zu schlecht versorgt, so dass es zu grassierender Wasser- und Feuerholzknappheit kommt. Für die Frauen, Kinder und Männer vor Ort bedeutet dies oft den Tod. Insgesamt schätzt Die UN schätzt, dass das Leben von mehr als 90 Millionen Menschen in Afrika durch die globale Erwärmung gefährdet ist. In diesem Zusammenhang veröffentlichten am 16. April 11 U.S. Generäle einen Bericht, welcher den Klimawandel als einen „Bedrohungs – Multiplikator“ in brisanten Teilen der Welt bezeichnet. Darfur ist also nicht nur eine Herausforderung zur Beendigung eines grausamen Völkermords. Es ist auch ein Test für die Fähigkeit der Weltgemeinschaft zukünftige Kriege um Ressourcen in Afrika zu verhindern. Es gibt nach wie vor viele Gegenden in der Welt, in denen sich ähnliche Probleme entwickeln. Deswegen ist es wichtig, den Völkermord in Darfur nicht nur als sicherheitspolitische Problem zu sehen, sondern ihn auch als humanitäre und ökologische Herausforderung zu verstehen. Frieden in Darfur

Der jahrzehntelange Konflikt in Dafur schädigt die Umwelt in vielen Teilen des Landes. UNEP hat erklärt, dass Investitionen ins Umweltmanagement – finanziert von der internationalen Gemeinschaft und den Erlösen des Erdöl- und Erdgasexports – ein entscheidender Teil jedes Friedensprozesses im Sudan sein muss. Helfen könnten beispielsweise neue Technologien zur Bewässerung oder Wasserspeicherung sowie eine gute Landnutzungspolitik. Der Klimawandel wird künftig die Verfügbarkeit von nutzbarem Land und natürlichen Ressourcen einschränken. Aus diesem Grund ist Afrika auf die Hilfe der Industriestaaten angewiesen, die durch stärkere finanzielle Hilfen, Technologietransfer und eine Senkung ihrer Treibhausgas-Emissionen zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen können.

Links:

A Climate Culprit In Darfur – By Ban Ki Moon

SUDAN: UN Says Ailing Environment a Key „Stress Factor“

Times: How to prevent the next Darfur

The UN’s bloody failure: Ban Ki-moon’s self-serving and preposterous explanations obscure the real reasons for the crisis in Darfur.

Stell dir vor es ist Völkermord und keiner geht hin

Zu dieser Stunde findet in der westsudanesischen Provinz Darfur der erste Völkermord des 21. Jahrhunderts statt. Doch statt etwas dagegen zu tun, verneint die Politik diese Tatsache und präsentiert stattdessen scheinheilige Ausreden, warum sie nicht eingreifen. Aber so kann es nicht weitergehen. Wir, die Bürger, sind gefragt.

Laut UNO befinden sich im Darfur über 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht, ca. 400.000 Zivilisten sind ermordet worden. Warum? Nicht weil sie etwas getan haben. Sie werden ermordet, vergewaltigt, gefoltert und vertrieben bloß weil sie sind. Dies sollte uns bekannt vorkommen: Kosovo 1999, Bosnien 1995, Ruanda 1994, Irak 1988, Kambodscha 1979, Deutschland 1945 und Türkei 1915 sind nur die bekanntesten Beispiel für die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie sind aber genauso Zeugnisse für die Mitschuld unserer eigenen Regierungen, die nicht eingriffen um das Morden zu verhindern. Unter dem Eindruck des Holocaust verabschiedete die UNO im Jahr 1948 die sogenannte Genozid-Konvention. Hiernach ist Völkermord ein internationales Verbrechen, das jeder Staat zu verhüten verpflichtet ist. Leider sind in den folgenden Jahren keine Taten gefolgt. Noch immer ist es schwer, den notwendigen politischen Willen zu mobilisieren, wenn es um den Schutz fremder Menschen geht. Die Ausreden sind dabei immer die gleichen:

 Perverse Konsequenz:

„Wenn wir eingreifen würden noch viel mehr Menschen sterben.“ Dieses Argument wurde nicht zuletzt von US Generälen vorgebracht, um ein Bombardierung von Auschwitz zu verhindern.

 Hilflosigkeit:

„Es ist unmöglich für uns den uralten Hass zwischen diesen Menschen zu stoppen.“ So begründete Bill Clinton im Jahr 1994, warum die USA nicht in den ruandischen Völkermord eingreifen wollten. 800.000 Tote und 9 Jahre später erklärte Clinton, dass fünf- bis zehntausend Soldaten dem Völkermord hätten Einhalt bieten können.

 Gefahren-Abwehr:

„Wenn wir eingreifen, bringen wir Hilfsorganisationen und Blauhelme in Gefahr von Racheaktionen.“ 200.000 ermordete bosnische Muslime zu spät bombte die NATO im Jahr 1995 Slobodan Milosevic an den Verhandlungstisch und erreichte ein lange überfälliges Friedensabkommen.

Völkermorde sind keine Naturkatastrophen, die plötzlich und unaufhaltsam über uns hereinbrechen. Völkermorde haben eine Vorwarnzeit von mehreren Jahren, wenn man die Zeichen zu deuten weiß. Es mangelt uns nachweislich nicht an Informationen oder Wissen. Völkermord ist verhinderbar, wenn der politische Wille zum rechtzeitigen Eingreifen mobilisiert wird. Wenn Völkermord aber erst einmal geschieht, muss die internationale Gemeinschaft mit allen notwendigen Mitteln eingreifen. Dies schließt militärische Gewalt ausdrücklich mit ein. Der Westen ist seit spätestens 2003 detailliert über den  Völkermord im Sudan und die Verantwortlichkeit der sudanesischen Regierung informiert. Getan hat sich allerdings kaum etwas. China macht hervorragende Geschäfte mit dem Sudan und wird damit zum Komplizen eines Regimes, welches seine eigene Bevölkerung ermordet und vergewaltigt. Gleichzeitig möchte sich China mit den Olympischen Spielen 2008 als „friedliche und verantwortliche Weltmacht“ präsentieren. Die Erwartungen sind hoch, der Stolz enorm. Was kann man also tun? Genau an dieser Stelle setzt die Kampagne „Genocide Olympics“ an, welche die Olympischen Spiele als Plattform zur Bloßstellung Chinas inhumaner Politik im Sudan nutzen will. Ziel ist es, die chinesische Regierungspolitik durch eine Strategie aktiven internationalen Beschämens an den Pranger zu stellen. Diese Art von öffentlichem Druck hat auch Steven Spielberg (Botschafter für die Spiele 2008) zu spüren bekommen, als amerikanische NGOs ihn als neue „Leni Reifenstahl“ darstellten. Als Folge flog ein chinesischer  Sonderabgeordneter nach Darfur und erreichte eine bis dahin als unmöglich angesehene Zustimmung Khartums zur Stationierung von 26.000 UN-Soldaten. Man sieht also: Öffentlicher Druck kann helfen!

Was kann man hier, vor Ort tun? Vor allem öffentlichen Druck aufbauen, z.B. durch stetiges Klagen und Fragen seiner örtlichen Bundestagsabgeordneten, wie Er/Sie sich an diesem Thema beteilige um den Menschen zu helfen. Was kann die Regierung tun? Sich für einen besseren Schutz von Zivilisten vor Mord und Vergewaltigung einsetzen; zu einer politischen Lösung der Krise beitragen; und dem Internationalen Strafgerichtshof in Dan Haag bei der Strafverfolgung von Kriegsverbrechern helfen. Was können Unternehmen tun? Sich wirtschaftlich mit Verweis auf aus dem Sudan zurückziehen. Im April 2007 hat zum Beispiel Rolls Royce sich der „Desinvestitionskampagne“ in England angeschlossen. Was können die Parteien tun? Innerparteilich Druck machen und das Thema auf die innenpolitische Tagesordnung der Mandatsträger setzen. Zu diesem Zweck ist eine Vernetzung von Parteien mit zivilgesellschaftlichen Gruppen ein muss. Unser Handeln entscheidet, ob „internationale Solidarität“ und „nie wieder Auschwitz“ bloße Floskel oder politisches Leitbild sind.

Welche Tat ist nobler als einem Fremden zur Hilfe zu kommen, der dir weder Dank noch Lohn geben kann?

Link: Stanton, Gregory: Twelve Ways to Deny a Genocide, 2004

[Genocide Alert ist nicht zwingend der Ansicht der Autoren dieses externen Links]

Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe in Darfur

Vergewaltigung ist ein Akt von Gewalt und Aggression, in dem es dem Täter darum geht, Dominanz und Macht gegenüber dem Opfer zu demonstrieren. Die betroffenen Frauen erleben häufig starke Angst, Machtlosigkeit und Erniedrigung. Sie sind dem Täter schutzlos ausgeliefert und empfinden oft die Bedrohung des eigenen Lebens.

Vergewaltigung ist eine der schlimmsten und schwerwiegendsten Formen von Gewalt. Sie dient nicht der Befriedigung des Sexualtriebs, sondern ist eine sexualisierte Form von Macht und Kontrolle. In Kriegen sind Vergewaltigungen zumeist ein Instrument des organisierten Terrors der Zivilbevölkerung. Den Tätern dient sie als Bestätigung ihrer Männlichkeit und Fähigkeit, auf ihre Opfer Macht auszuüben. Massenvergewaltigungen dienen vor allem der Demoralisierung und/oder Vertreibung des Feindes, welcher durch sein Versagen als Beschützer seiner Gruppe in seiner Identität angegriffen wird. Dies macht sexuelle Gewalt zu einem Instrument des Völkermords, zu einer effektiven Waffe, die somit zunehmend gezielt als Kriegsstrategie eingesetzt bzw. indirekt gefördert und geduldet wird.

Physische, psychische und soziale Folgen von Vergewaltigung

Vergewaltigung hat das Ziel, Frauen zu demütigen, einzuschüchtern und ihnen ihre Persönlichkeit zu nehmen, indem sie auf ihr Geschlecht reduziert werden. Somit haben Vergewaltigungen viel belastendere psychische Folgen als andere aggressive Handlungen. Die physischen/medizinischen Folgen sind zum einen sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften. Oftmals werden den Opfern bei der Gewalttat aber auch so schwere Verletzungen zugefügt, dass die Frauen keine Kinder mehr bekommen können.

Frauen sind häufig Opfer von Gewalt in DarfurHinzu kommen zahlreiche psychische Langzeitschäden und soziale Konsequenzen. Die Opfer leiden unter Traumatisierungen mit lang anhaltenden psychischen Symptomen wie Angstzuständen und übermäßige Schreckhaftigkeit, stetiges Wiedererleben des Traumas (Flashback), Schlafstörungen und Alpträume, Apathie und Depressionen, Konzentrationsstörungen, Nervosität, veränderte Körperwahrnehmung, sexuelle Störungen, Kontaktschwierigkeiten, Gefühle von Entfremdung, Empfindungslosigkeit, Einsamkeit und tiefer Demütigung und Scham. Oft wird das traumatisierende Erlebnis so stark verdrängt, dass sogar zu einer Amnesie kommt. „Alle diese Symptome sind Reaktionen auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung, die außerhalb der menschlichen Erlebnisskala liegen und die die üblicherweise zur Verfügung stehenden Bewältigungsmechanismen eines Menschen überfordern. Viele Frauen und Mädchen erholen sich nie von diesem Trauma und leiden Zeit ihres Lebens unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Sexuelle Übergriffe können das Vertrauen in sich selbst, in andere Menschen und zum eigenen Körper nachhaltig erschüttern und verursachen ein dauerhaft niedriges Selbstwertgefühl, welches oft in Suizidgefährdung und Alkohol- und Drogenmissbrauch mündet.

    „Eine Frau, die einem Angriff auf ihr Dorf entkommen konnte, wurde Augenzeugin, wie ein zwölfjähriges Mädchen von fünf Männern vergewaltigt wurde; Das Mädchen starb kurze Zeit nach der Gewalttat.“

(Totten and Markusen: Genocide in Darfur – Investigating the Atrocities in Sudan, S.44)

 

Viele Vergewaltigungsopfer haben auch Schuldgefühle und fühlen sich mitverantwortlich für das Geschehene. Dies erschwert es ihnen, sich zur Verarbeitung des Traumas Hilfe von außen zu holen. Dabei ist gerade die soziale Unterstützung enorm wichtig, da ein gutes und sicheres gesellschaftliches und familiäres Umfeld ein guter Schutz gegen die chronischen Folgen von Traumatisierung ist. Doch gerade in vielen Kulturen der so genannten „Dritten Welt“ ist diese Unterstützung nicht gegeben, im Gegenteil: Erhebliche soziale Folgen machen den vergewaltigten Frauen und Mädchen das Leben schwer. Sie werden gesellschaftlich stigmatisiert und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Da auch Familie und Angehörige oftmals eine Mitschuld bei den Opfern suchen, werden viele Frauen von ihren Männern verstoßen – insbesondere wenn es durch die Vergewaltigung zu einer Schwangerschaft kam. Für junge Mädchen ist es sehr schwer, überhaupt einen Mann zu finden, wenn sie bereits ihre Jungfräulichkeit verloren haben. Eine junge Frau aus Darfur berichtet: „Sechs Tage lang, Nacht für Nacht, haben uns fünf bis sechs Männern stundenlang vergewaltigt. Eine nach der anderen. Mein Mann konnte mir das nicht verzeihen. Er hat mich verstoßen.“ Aufgrund des tiefen Schamgefühls und der Angst vor Verstoßung und Verachtung schweigen viele Frauen ihre traumatischen Erlebnisse tot und gehen innerlich daran kaputt, haben keine Lebensfreude mehr und stumpfen ab. Die gesellschaftlichen Folgen von Vergewaltigung lassen sich bis in die dritte, vierte Generation zurückverfolgen und bringen Rückzug und soziale Isolation mit sich.

In Darfur wird Vergewaltigung gezielt als Kriegswaffe eingesetzt, da durch die Vergewaltigung nicht nur einzelne Frauen gedemütigt, sondern ganze Volksgruppen erniedrigt werden. Die Vergewaltigungen haben System. Nicht nur die Frauen als Individuen werden gequält und gedemütigt. Im Grunde wird eine ganze Volksgruppe erniedrigt. Das ist das eigentliche Ziel der Janjaweed. Oft finden die gewaltsamen sexuellen Übergriffe auf Frauen und Mädchen sogar vor den Augen der Dorfgemeinschaft statt; Demütigung und Erniedrigung sind wirksame Waffen um den Zusammenhalt der Gemeinschaften zu zerstören.

Die aktuelle Situation in Darfur

In Darfur werden täglich unzählige grausame Verbrechen von den Janjaweed-Milizen und Soldaten der sudanesischen Regierung an der Zivilbevölkerung begangen. Während die Männer Opfer von Mord und Gewalt werden, da sie als (potenzielle) Kämpfer das Feindbild repräsentieren, sind es die Frauen in ihrer Rolle als Träger der Kultur und Verantwortlichkeit für die kommenden Generationen. Im Kontext von gewaltsamen Konflikten mit der Zivilbevölkerung sind daher zumeist Frauen die primären Ziele der Gewalt, da hier die größte Verwundbarkeit der Volksgruppe besteht. Aufgrund ihrer großen Verantwortung für die Gemeinschaft stehen sie dem Dorf  mental und physisch meist näher als die Männer und bieten daher mehr Angriffspunkte. Außerdem sind sie aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit und als Zielobjekte sexueller Gewalt für die Täter attraktiver und  durch die Entwürdigung und Machtlosigkeit wird die ganze Gruppe gedemütigt.

„Ich schlief noch als der Angriff auf Disa anfing. Ich wurde von den Angreifern weggebracht, sie waren alle in Uniformen gekleidet. Sie verschleppten duzende anderer Mädchen und zwangen uns drei Stunden lang zu marschieren. Tagsüber wurden wir von ihnen verprügelt und man sagte uns: “Ihr schwarzen Frauen, wir werden euch umbringen, ihr habt keinen Gott.“ In der Nacht wurde wir mehrfach vergewaltigt. Die Araber bewachten uns mit vorgehaltenen Waffen, wir bekamen drei Tage lang keinen Bissen zu essen.“

(Amnesty International 19.07.2004: Darfur: Rape as a weapon of war: sexual violence and its consequences)

 

Frauen werden nicht nur Opfer systematischer Massenvergewaltigung durch gewaltsam erzwungenen Geschlechtsverkehr, sondern sie werden auch auf andere grauenvolle und perverse Weise in ihrem Intimbereich geschändet, z.B. durch die Einführung von Gegenständen in die Vagina oder die Verstümmelung der Geschlechtsteile (auch bei Jungen und Männern). In vielen Fällen werden ihnen dabei so schlimme Verletzungen zugefügt, dass sie die Gewalttat nicht überleben.

Die Vergewaltigungen finden zumeist bei den Überfällen auf die Dörfer und oft vor den Augen der wehrlosen Dorfgemeinschaft statt. Viele Mädchen und Frauen werden daraufhin von den Milizen entführt und für einige Zeit festgehalten, um Opfer weiterer, tagelanger Massenvergewaltigungen zu werden. Um sie am Weglaufen zu hindern, werden ihnen die Beine gebrochen. Viele Frauen und Mädchen werden nach der Tat getötet. Einige werden jedoch auch bewusst am Leben gelassen, da die Täter die Vergewaltigung als noch schlimmer als den Tod ansehen. Fast alle Opfer dieser Sexualverbrechen können – wenn sie überhaupt überleben – nach den gewaltsamen Übergriffen auf ihre reproduktiven Geschlechtsorgane keine Kinder mehr bekommen. Wenn sie bei der Gewalttat bereits schwanger waren, verlieren sie meistens ihr Kind.

Fast immer werden die Sexualverbrechen von weiteren Formen der Gewalt oder des Missbrauchs begleitet, wie Schläge, grausame Foltermethoden, Nötigung zur Nacktheit, (sexuelle) Sklaverei, unmenschliche Bedingungen, Zerstörung ihrer Häuser, Familien, Gemeinden und der gesamten Existenzgrundlage. Vor der Gewalt, der sexuellen Ausbeutung und ihren Folgeerscheinungen sind hunderte von Dörfern in Nord-, West- und Süd-Darfur betroffen. Zunehmend finden auch in Städten und in der Umgebung von Flüchtlingslagern Vergewaltigungen statt. Keine Frau kann ohne Angst das Lager verlassen, wenn sie auf die Suche nach Brennholz oder Nahrung geht, um das Überleben ihrer Familie zu sichern.

Vergewaltigung wird zu einem umfassenden Problem in Krisengebieten, das immer größere und gravierendere Ausmaße annimmt – eine Kriegsstrategie, die durch Demütigung und Unterwerfung ganze Volksgruppen zunichte macht.
Für weitergehende Information:

Women abducted, raped and kept as sex slaves following the December 2006 attacks on Deribat (OHCHR – 20.08.2007)

Laws Without Justice: An Assessment of Sudanese Laws Affecting Survivors of Rape (Refugees International – 27.06.2007)

Sexual Violence and its Consequences among Displaced Persons in Darfur and Chad (Human Rights Watch – April 2005)

Darfur: Rape as a weapon of war: sexual violence and its consequences (Amnesty International – 19.07.2004)